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Banale Bebilderung eines Klassikers
• • • • •   (bewertet mit 3 von 5 Punkten)

Es ist immer sehr mutig, einen Klassiker zu verfilmen, erst recht, wenn bereits eine kongeniale Adaption vorliegt (Lolita hier von Stanley Kubrick). Aber natürlich ändern sich die Zeiten und dementsprechend auch der filmische Zugang zu einem Roman. In den 1990er Jahren wurde dazu Adrian Lyne für eine weitere Verfilmung verpflichtet. Was ihn allerdings nach der reißerischen "verhängnisvollen Affäre" und dem albernen "unmoralischen Angebot" dazu prädestiniert haben sollte, ist mir schleierhaft, "Lolita" ist schließlich ein sehr komplexer Roman Vladimir Nabokovs und nicht irgendein Sexroman. Die Besetzung lässt erst einmal das Herz des Zuschauers höher schlagen: Jeremy Irons als Humbert Humbert, Melanie Griffith als Charlotte Haze und Frank Langella als Clare Quilty. Die begabte Newcomerin Dominique Swain spielt Lolita.

Die Handlung dürfte bekannt sein. Der etwa 40jährige englische Literat Humbert Humbert mietet sich bei seinem USA-Aufenthalt bei der verwitweten Charlotte Haze ein. Zur Tarnung seiner Leidenschaft für ihre Tochter Lolita heiratet er Charlotte. Als sie hinter sein Geheimnis kommt, verunglückt sie tödlich. Humbert reist mit seiner Stieftochter quer durchs Land, fängt ein sexuelles Verhältnis mit ihr an, verliert Lolita schließlich an den obskuren Literaten Clare Quilty.
Anders als bei Kubricks Film scheint das Drehbuch am Roman zu kleben. Immer wieder werden Humberts Gedanken von einem Off-Sprecher verdeutlicht. Bei Literaturverfilmungen sollte man diesen Kniff nicht überstrapazieren, da sich der berechtigte Eindruck aufdrängt, die Filmemachen hätten ihren Stoff nicht im Griff, hätten keine Bilder, Dialoge für ihre Ideen gefunden. Selbst die Vorgeschichte Humberts wird dargestellt, das Leiden des Vierzehnjährigen, der seine gleichaltrige Geliebte verliert. Die Romanteile, die Humberts Verstellungskünste zeigen, wurden allerdings weggelassen, nicht sehr konsequent. Humbert ist hier schon zu Beginn ein Häufchen Elend, das sich gar nicht gegen die vermeintlichen Verführungskünste der Nymphe Lolita schützen kann. Unbewusst übernimmt der Zuschauer Humberts Perspektive. Die melancholische Musik Morricones ist zauberhaft, aber vollkommen unpassend. Jeglicher Sarkasmus fehlt dem Film. Die Lacher sind sehr bemüht, etwa wenn Humbert bei einem Arzt ein Schlafmittel bekommen möchte, mit dem man auch eine Kuh einschläfern könne.

Es wird der Versuch unternommen, verschachtelte Handlungsstränge chronologisch wiederzugeben. Das ist etwas so spannend, wie das Langziehen von Luftschlangen, um dann enttäuscht festzustellen, dass es nur dünne Papierstreifen sind. Tipp nebenbei: Ein guter Cutter erkennt, wie lang eine Szene sein muss!
Die Ausstattung bildet perfekt die Atmosphäre einer Kleinstadt der späten 1940er Jahre ab, führt aber auch zu einer gewissen Distanzierung. Melanie Griffith ist die attraktive Sirene, aber in keiner Szene die zutiefst verzweifelte Witwe auf der Suche nach neuem Liebesglück. So berührt ihr Filmtod trotz Großaufnahme ihres Gesichts kaum. Wirklich ärgerlich ist eine Szene, in der Lolita während einer Sexszene mehr Geld von Humbert Humbert fordert. Die gibt es in ähnlicher Form auch im Roman, aber dort ist sie eingebettet in das absolute Ausgeliefertsein Lolitas. Diese singuläre Szene im Film lässt Lolita als berechnendes Flittchen erscheinen.
Ein Problem, an dem auch Kubricks Version zu knabbern hatte, lässt sich filmisch nicht lösen. Humberts Erkenntnis, Lolita aufrichtig zu lieben, manifestiert sich an einer "verwelkten", für Humbert sexuell nicht mehr so begehrenswerten Frau. Er liebt sie immer noch, obwohl er ihre Veränderung wahrnimmt. Hier ist Dominique Swain aber besonders unglaubwürdig: Eine hässliche Strickjacke und eine schlecht sitzende Brille machen sie nicht erwachsen oder "verwelkt". Im Vergleich zu Masons Darstellung (bei Kubrick) in dieser Szene wirkt Irons fast somnambul, wahre Verzweiflung stelle ich mir anders vor.
Als einzigen Pluspunkt in diesem Film sehe ich die Darstellung Langellas als Quilty. Seine Präsenz wirkt sehr bedrohlich (Humbert erinnert sich immer an Lichtflackern). Zugegebenermaßen wirkt es nicht überzeugend, dass sich Lolita in diesen alternden, impotenten (sic!) Schönling verliebt, aber sein Todeskampf ist so grotesk überzeichnet, dass er an die schwarzhumorigen Seiten Nabokovs noch am ehesten heranreicht. Und: Hier zeigt Langella wirklich alles!

Fazit: Trotz einer überwiegend überzeugenden Hauptdarstellerin ist der Film sehr enttäuschend. Er bildet Handlung ab, ohne zum Kern des Romans vorzudringen. Die fatale Identifizierung mit Irons verharmlost den Missbrauch. Deshalb ist die Altersfreigabe ab 18 Jahren durchaus verständlich.
Eine Rezension von christine "film- und buchfreundin" > BaWü
vom 23. Dezember 2009
Kundenrezensionen:
27. Altersbegrenzung übertrieben
26. Erotisch und auch etwas verboten
25. Banale Bebilderung eines Klassikers (die aktuell angezeigte Rezension)
24. Lolita
23. Ein literarisches Meisterwerk, meisterlich verfilmt!
22. Gut
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